In einem gemeinsamen Statement hat das Netzwerk der Agenturen der Europäischen Union für wissenschaftliche Beratung (EU-ANSA) im April 2026 die zentrale Bedeutung der Forschung für eine evidenzbasierte Politikgestaltung bekräftigt. Die Erklärung, unterzeichnet von den wissenschaftlichen Leitern der Mitgliedsagenturen, betont die Rolle der EU-Agenturen im gesamten Forschungszyklus, von der Identifizierung relevanter Wissenslücken bis zur Umsetzung von Forschungsergebnissen in die Politik. Dies geschieht vor dem Hintergrund jüngster Krisen, die den Bedarf an fundierten Entscheidungen verdeutlichten.
Kontext
Das EU-ANSA-Netzwerk vereint wissenschaftliche Spitzenbeamte aus verschiedenen EU-Agenturen, deren Aufgabe es ist, die Europäische Kommission und die Mitgliedstaaten mit unabhängiger wissenschaftlicher Beratung zu versorgen. Diese Agenturen decken ein breites Spektrum an Politikbereichen ab, von Lebensmittelsicherheit über Umweltschutz bis hin zu Drogenfragen. Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA), seit 2024 umbenannt in Europäische Drogenagentur (EUDA), ist ein prominentes Mitglied dieses Netzwerks und spielt eine entscheidende Rolle bei der Bereitstellung von Daten und Analysen zur Drogenproblematik in Europa.
Die nun veröffentlichte gemeinsame Erklärung ist ein Resultat der Erfahrungen aus jüngsten Krisen, wie der COVID-19-Pandemie, die den dringenden Bedarf an schnellem und verlässlichem wissenschaftlichem Input für politische Entscheidungen verdeutlichten. In solchen Situationen zeigte sich, wie essenziell es ist, wissenschaftliche Erkenntnisse rasch zu generieren, zu bewerten und in praktikable Politikmaßnahmen zu überführen. Das Statement unterstreicht, dass die EU-Agenturen nicht nur als Wissensvermittler fungieren, sondern aktiv an der Gestaltung von Forschungsagenden beteiligt sind, um zukünftige Herausforderungen proaktiv anzugehen.
Die Relevanz dieser Bekräftigung für die Drogenpolitik ist erheblich. Die EUDA, als Teil von EU-ANSA, ist maßgeblich daran beteiligt, die wissenschaftliche Grundlage für Entscheidungen im Bereich Cannabis und andere Drogen zu liefern. Eine stärkere Betonung evidenzbasierter Ansätze könnte dazu beitragen, dass zukünftige Regulierungen und Präventionsstrategien in den Mitgliedstaaten auf soliden wissenschaftlichen Daten basieren und nicht primär auf ideologischen oder moralischen Überlegungen. Dies ist besonders wichtig in einer Zeit, in der sich die Drogenpolitik in vielen europäischen Ländern im Wandel befindet und neue Ansätze zur Cannabisregulierung diskutiert werden.

Fakten und Zahlen
Im Zentrum des EU-ANSA-Statements steht die umfassende Beschreibung des sogenannten „Forschungswissenszyklus“, in dem die EU-Agenturen eine aktive Rolle einnehmen. Dieser Zyklus beginnt mit der Identifizierung von Wissenslücken, die für die Politikgestaltung relevant sind. Agenturen wie die EUDA analysieren kontinuierlich die europäische Drogenlandschaft, um Bereiche zu erkennen, in denen weitere Forschung dringend erforderlich ist – sei es zur Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen, zu den Gesundheitsrisiken neuer psychoaktiver Substanzen oder zu den sozialen Auswirkungen unterschiedlicher Cannabisregulierungsmodelle. Diese Identifizierung erfolgt oft durch systematische Überprüfung bestehender Daten, durch die Beobachtung neuer Trends im Drogenkonsum oder durch den Austausch mit nationalen Experten und zivilgesellschaftlichen Organisationen.
Anschließend tragen die Agenturen zur Gestaltung von Forschungsprioritäten bei. Sie arbeiten eng mit Forschungseinrichtungen und politischen Entscheidungsträgern zusammen, um sicherzustellen, dass die EU-Forschungsprogramme die drängendsten Fragen adressieren. Dies beinhaltet auch die Beteiligung an der Ausarbeitung von Ausschreibungen und Förderrichtlinien für Programme wie Horizon Europe. Nach der Durchführung der Forschung unterstützen die Agenturen die Aufnahme der Ergebnisse in die Regulierungswissenschaft und die Politikimplementierung. Sie übersetzen komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse in verständliche Empfehlungen für politische Entscheidungsträger und helfen bei der Entwicklung von Leitlinien und Best Practices, um eine fundierte und kohärente Umsetzung in den Mitgliedstaaten zu gewährleisten.
Ein weiterer wichtiger Aspekt, der im Statement hervorgehoben wird, ist die Notwendigkeit von inter- und transdisziplinärer Forschung. Komplexe und miteinander verbundene Herausforderungen wie der Klimawandel, aufkommende Gesundheitsbedrohungen und geopolitische Spannungen erfordern integrierte Ansätze. In diesem Zusammenhang wird das „One Health“-Konzept erwähnt, das die untrennbare Verbindung zwischen der Gesundheit von Menschen, Tieren und der Umwelt betont. Für die Drogenpolitik bedeutet dies beispielsweise, die Auswirkungen des Cannabisanbaus auf die Umwelt oder die Wechselwirkungen von Drogenkonsum und mentaler Gesundheit in einem breiteren Kontext zu betrachten, um nachhaltige Lösungen zu finden.
Ergänzend dazu fördern die Agenturen im Bereich Justiz und Inneres innerhalb von EU-ANSA einen „One Safety“-Ansatz. Dieser Ansatz umfasst mehrere Bereiche, die die Sicherheit und das Wohlergehen der Bürger und Gemeinschaften in der EU beeinflussen, darunter technologische Innovationen, Cyberkriminalität sowie demokratische und wirtschaftliche Instabilität. Im Kontext der Drogenpolitik könnte dies die Untersuchung der Rolle von Technologie bei der Drogenverteilung, die Auswirkungen von Drogenkriminalität auf die öffentliche Sicherheit oder die wirtschaftlichen Implikationen von Drogenmärkten umfassen. Die Verknüpfung dieser Perspektiven ermöglicht eine ganzheitlichere und effektivere Politikgestaltung, die alle relevanten Faktoren berücksichtigt.
Die Agenturen begrüßen in ihrer Erklärung zudem das vorgeschlagene Programm Horizon Europe für den Zeitraum 2028-2034. Sie fordern eine proaktive Beteiligung der EU-Agenturen an der zukünftigen Forschungsplanung. Diese Forderung basiert auf ihrer kollektiven Expertise, ihren etablierten wissenschaftlichen Netzwerken und ihrer Rolle bei der Stärkung des Vertrauens in die Wissenschaft und die öffentliche Entscheidungsfindung. Die direkte Einbindung der Agenturen soll sicherstellen, dass die Forschungsprogramme eng an den tatsächlichen politischen Bedarfen ausgerichtet sind und ihre Ergebnisse effektiv in die Praxis umgesetzt werden können, wodurch der Transfer von Wissen in die Praxis optimiert wird.
Stimmen / Zitate
Obwohl das Statement keine individuellen Zitate von spezifischen Personen enthält, repräsentiert es die kollektive Stimme der wissenschaftlichen Spitzenbeamten aller Mitgliedsagenturen des EU-ANSA-Netzwerks. Die Unterzeichner, darunter die Chief Scientists oder die ranghöchsten wissenschaftlichen Offiziere, betonen in ihrer gemeinsamen Erklärung die unersetzliche Funktion unabhängiger wissenschaftlicher Beratung. Sie sehen die EU-Agenturen als entscheidende Brückenbauer zwischen der wissenschaftlichen Gemeinschaft und den politischen Entscheidungsträgern.
Die einheitliche Haltung unterstreicht die Überzeugung, dass fundierte Politikgestaltung in einer zunehmend komplexen Welt ohne robusten wissenschaftlichen Input nicht denkbar ist. „Die Erfahrungen aus jüngsten Krisen haben uns gelehrt, dass schnelle, koordinierte und wissenschaftlich fundierte Reaktionen unerlässlich sind“, heißt es sinngemäß in der Erklärung. „Unsere Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass die Politik nicht im luftleeren Raum getroffen wird, sondern auf den bestverfügbaren Erkenntnissen basiert.“
Diese kollektive Betonung der wissenschaftlichen Integrität und Relevanz ist besonders aussagekräftig, da sie von Organisationen stammt, die täglich mit der Herausforderung konfrontiert sind, wissenschaftliche Daten in praktische Empfehlungen umzusetzen. Sie spiegeln die gemeinsame Verpflichtung wider, die Qualität und Objektivität der wissenschaftlichen Beratung zu gewährleisten, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in politische Entscheidungen zu stärken. Die Forderung nach einer stärkeren Einbindung in zukünftige Forschungsprogramme, wie Horizon Europe, ist ein klares Signal, dass die Agenturen ihre Rolle nicht nur als Empfänger, sondern auch als aktive Gestalter der europäischen Forschungslandschaft sehen.
Einordnung und Ausblick
Die Bekräftigung der Rolle der Wissenschaft in der Politikgestaltung durch EU-ANSA hat weitreichende Implikationen für die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten. Insbesondere im Kontext sich wandelnder gesellschaftlicher Normen und rechtlicher Rahmenbedingungen, wie sie derzeit in Bezug auf Cannabis zu beobachten sind, gewinnt die Forderung nach evidenzbasierten Entscheidungen an Bedeutung. Die Europäische Drogenagentur (EUDA), als integraler Bestandteil dieses Netzwerks, steht vor der Aufgabe, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Cannabis – von medizinischen Anwendungen bis hin zu den sozialen Auswirkungen von Legalisierungsmodellen – präzise aufzubereiten und den politischen Akteuren zugänglich zu machen.
Die Herausforderung besteht darin, dass wissenschaftliche Erkenntnisse oft komplex sind und selten einfache Antworten liefern. Die Politik muss zudem verschiedene Interessen abwägen, die über die rein wissenschaftliche Evidenz hinausgehen, beispielsweise ethische, soziale oder wirtschaftliche Aspekte. Das EU-ANSA-Statement kann jedoch als ein starkes Plädoyer dafür verstanden werden, die wissenschaftliche Grundlage als unverzichtbaren Ausgangspunkt jeder politischen Diskussion zu betrachten. Eine stärkere Einbindung der EU-Agenturen in die Forschungsplanung, wie für Horizon Europe 2028-2034 gefordert, könnte sicherstellen, dass relevante Fragen zur Drogenpolitik von Anfang an in den Forschungsagenden verankert werden.
Für die Kifferzeitung und ihre Leserschaft bedeutet dies, dass zukünftige Entscheidungen auf EU-Ebene und in den Mitgliedstaaten potenziell stärker auf objektiven Daten und weniger auf Vorurteilen oder veralteten Ansichten basieren könnten. Die kontinuierliche Arbeit von Agenturen wie der EUDA, die wissenschaftliche Lücken identifizieren und Forschungsergebnisse in die Politik überführen, ist entscheidend für eine progressive und humane Drogenpolitik. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Mitgliedstaaten und die Kommission diese Empfehlungen in die Praxis umsetzen werden, doch das gemeinsame Statement sendet ein klares Signal für eine evidenzbasiertere Zukunft. Die verstärkte Zusammenarbeit und der Austausch von Best Practices innerhalb des EU-ANSA-Netzwerks könnten dabei helfen, eine kohärentere und effektivere Herangehensweise an komplexe Herausforderungen, einschließlich der Drogenproblematik, zu entwickeln.