Im Mai 2026 erlebt der europäische Cannabismarkt eine auffällige Welle von Übernahmen und Investitionen. Im Fokus steht dabei Deutschland, das nach der Entkriminalisierung von Cannabis als einer der zentralen Wachstumsmärkte gilt. Trotz einer im Vergleich zu anderen Branchen begrenzten Kapitalaufnahme seit der neuen Gesetzgebung zeigt sich eine zunehmende Reife des Markts, insbesondere bei internationalen Transaktionen und institutionellen Beteiligungen. Der Branchenexperte Tristan Gervais, Gründer und Geschäftsführer von T Capital, sieht eine anhaltende Dynamik grenzüberschreitender M&A-Aktivitäten (Mergers & Acquisitions, also Fusionen und Übernahmen).
Marktentwicklung: Deutschland als Schlüsselland
Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren als wichtigster europäischer Markt für medizinisches Cannabis etabliert. Die Entkriminalisierung und die damit verbundenen regulatorischen Erleichterungen haben die Erwartungen an die Branche deutlich erhöht. Die Übernahme von Sanity Group durch Organigram für 250 Millionen Euro im Jahr 2026 gilt als ein Meilenstein. An der Transaktion waren zudem große internationale Investoren beteiligt: British American Tobacco (BAT) investierte 65,2 Millionen Kanadische Dollar Eigenkapital und Vorzugsaktien, während ATB Financial eine Kreditlinie über 60 Millionen Kanadische Dollar bereitstellte. Dies unterstreicht die zunehmende institutionelle Relevanz und den wachsenden Investitionsdruck auf dem deutschen Markt (Quelle: krautinvest.de).
Bei Bewertungsmaßstäben wird auf Multiplikatoren wie Enterprise Value zu EBITDA geachtet. Im Fall Sanity lag der erwartete Earn-Out-Multiple für 2026 bei 12,5, während bei der Übernahme von Remexian Pharma durch High Tide für das Jahr 2025 ein Multiple von 3,5 angesetzt wurde. Diese Zahlen dienen als Benchmark für weitere Akquisitionen im deutschen Markt.
Investitionsklima: Kapitalmangel trotz Wachstum
Obwohl viele Unternehmen in Deutschland seit der Entkriminalisierung deutliche Umsatz- und EBITDA-Zuwächse verzeichnen, bleibt die Kapitalbeschaffung schwierig. Laut Gervais bleibt „Cash King“ in einer Branche, die trotz Wachstum unter Kapitalrestriktionen leidet. Gerade kleinere und mittelständische Unternehmen sehen sich mit sinkenden Margen und erhöhtem Wettbewerbsdruck konfrontiert. Die Liquiditätsfrage entscheidet oft über die Überlebensfähigkeit kleinerer Akteure.
Übernahmen in weiteren europäischen Märkten
Der Trend zu Übernahmen und Zusammenschlüssen ist nicht auf Deutschland beschränkt. Auch in Großbritannien, Portugal und Polen fanden in den letzten Jahren bedeutende Transaktionen statt:
- Im Vereinigten Königreich wurde Emmac Life Sciences 2021 für 286 Millionen US-Dollar von Curaleaf übernommen.
- Tilray Brands akquirierte 2025 die Lyphe Group, Grow Group erwarb Avida Medical.
- Portugal hat sich durch seine Stärken in Anbau und Verarbeitung als Standort für EU-GMP-zertifizierte Produktionsstätten etabliert. Curaleaf übernahm 2023 eine GMP-Produktionsstätte von Clever Leaves. Im Folgejahr kaufte Somaí Pharmaceuticals RPK Biopharma (Holigen), einen weiteren portugiesischen GMP-Betrieb.
- In Polen setzt Curaleaf die Expansion fort: 2024 wurde ein medizinischer Cannabis-Großhändler übernommen, 2025 folgte Fitokan, eine medizinische Cannabis-Klinik.
Diese Aktivitäten belegen das zunehmende Interesse internationaler Investoren an europäischen Märkten und spiegeln einen Reifeprozess wider, der mit dem in Deutschland vergleichbar ist.
Bewertungsmaßstäbe und Geschäftsmodelle
Die Bewertungen europäischer Cannabisunternehmen orientieren sich zunehmend an technologischer Infrastruktur, Skalierbarkeit und Compliance. Laut Gervais sind vor allem Unternehmen mit hoher technologischer Durchdringung, integriertem Geschäftsmodell und strikter Einhaltung regulatorischer Vorgaben attraktiv für Investoren. In Deutschland erschwert das sogenannte Fremdbesitzverbot, das Apothekenbesitz auf approbierte Apotheker beschränkt und die Anzahl der Standorte je Person auf vier limitiert, eine Expansion. Daher gewinnt die Skalierung durch technologische Innovation an Bedeutung, insbesondere im Bereich Telemedizin.
Attraktive Zielunternehmen für Übernahmen
Für potenzielle Käufer zählen laut Gervais insbesondere folgende Merkmale:
- Hoher Marktanteil und starke Infrastruktur
- Direkter Patientenbezug (B2C)
- Starkes Umsatzwachstum und solide EBITDA-Margen
- Selbstfinanzierungskraft (Free-Cashflow)
Internationale Akteure, darunter kanadische Produzenten (LPs), streben vor allem nach Marktanteilen und Synergien durch Exporte. Mit der geplanten Neueinstufung von Cannabis in den USA („US Rescheduling“) könnten auch US-amerikanische Multi-State-Operatoren (MSOs) verstärkt auf dem europäischen Markt aktiv werden.
Konsolidierungsdruck und Auswirkungen auf kleine Akteure
Das Marktwachstum und der Markteintritt internationaler Großunternehmen erhöhen den Druck auf kleinere und mittelgroße Großhändler. Laut Gervais führen sinkende Margen und der Wettbewerbsdruck zu einer verstärkten Konsolidierung, etwa durch Fusionen oder vertikale Integration mit Herstellern. Ein Beispiel ist die Transaktion zwischen Canify und MG Health, bei der die Zusammenarbeit zwischen Großhändler und Anbauer vertieft wurde. Größere Großhändler, die günstigere Finanzierungen erhalten, können größere Mengen hochqualitativer, EU-GMP-zertifizierter Ware einkaufen und bessere Konditionen aushandeln, was kleinere Anbieter weiter unter Druck setzt.
Ausblick: Weitere Übernahmen erwartet
Die aktuelle Phase wird von Experten als „Early-Stage-Renaissance“ beschrieben. Die Branchenteilnehmer erwarten, dass die Dynamik grenzüberschreitender Übernahmen, insbesondere zwischen Nordamerika und Europa, weiter zunimmt. Die Bewertungshöhen der letzten Deals setzen neue Maßstäbe, an denen sich auch kleinere Unternehmen orientieren. Gleichzeitig bleibt der Zugang zu frischem Kapital ein Engpass, der von den Unternehmen innovative Finanzierungs- und Geschäftsmodelle erfordert.
Tabellarischer Überblick: Bedeutende Übernahmen in Europa seit 2021
Quellen
| Jahr | Übernehmendes Unternehmen | Zielunternehmen | Land | Transaktionsvolumen | Besonderheiten |
|---|---|---|---|---|---|
| 2021 | Curaleaf | Emmac Life Sciences | UK | 286 Mio. USD | Erste große US-EU-Transaktion |
| 2023 | Curaleaf | Clever Leaves (GMP-Fabrik) | Portugal | k.A. | Ausbau Verarbeitungskapazität |
| 2024 | Somaí Pharmaceuticals | RPK Biopharma (Holigen) | Portugal | k.A. | Erweiterung GMP-Anbau |
| 2024 | Curaleaf | Polnischer Großhändler (Med. Cannabis) | Polen | k.A. | Markteintritt Polen |
| 2025 | Curaleaf | Fitokan (Med. Cannabis Klinik) | Polen | k.A. | Stärkung B2C-Struktur |
| 2025 | Grow Group | Avida Medical | UK | k.A. | Portfolio-Erweiterung |
| 2025 | Tilray Brands | Lyphe Group | UK | k.A. | B2B/B2C-Integration |
| 2026 | Organigram | Sanity Group | Deutschland | 250 Mio. EUR | BAT/ATB als Investoren, neuer Bewertungsmaßstab |