Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) legte am 15. Mai 2026 die aktuellen Handelsdaten für medizinisches Cannabis vor. Zwischen Januar und März 2026 führten Importeure insgesamt 50,5 Tonnen Cannabis für medizinische und wissenschaftliche Zwecke nach Deutschland ein. Dieser Wert markiert den ersten signifikanten Rückgang der Einfuhrzahlen seit Beginn des Jahres 2024 und beendet vorerst eine Phase des ungebremsten Mengenwachstums auf dem deutschen Markt.
Der historische Kontext des Import-Booms
Um die aktuelle Entwicklung von 50,5 Tonnen im ersten Quartal 2026 einzuordnen, hilft ein Blick auf die vergangenen zwei Jahre. Der deutsche Markt für Medizinalcannabis erlebte seit der gesetzlichen Neuregelung im April 2024 eine beispiellose Expansion. Im ersten Quartal 2024, unmittelbar nach Inkrafttreten des Medizinal-Cannabisgesetzes (MedCanG), lagen die Importe noch bei bescheidenen 8,1 Tonnen. Die Entbürokratisierung der Verschreibung und der Wegfall der Betäubungsmittel-Einstufung lösten eine Nachfragewelle aus, die die Importmengen innerhalb von acht Quartalen mehr als versechsfachte.
Im Jahr 2025 erreichte dieser Trend seinen vorläufigen Höhepunkt. Das dritte Quartal 2025 verzeichnete Importe von 59,1 Tonnen, während das vierte Quartal mit 60,8 Tonnen einen historischen Rekord aufstellte. In der Summe passierten im gesamten Jahr 2025 mehr als 200 Tonnen Cannabis die deutschen Grenzen. Der nun registrierte Rückgang auf 50,5 Tonnen im ersten Quartal 2026 entspricht einer Reduktion von etwa 17 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Quartal. Dennoch liegt das Niveau weiterhin deutlich über dem Durchschnitt des Jahres 2024, was auf eine Konsolidierung auf hohem Niveau hindeutet.
Die Ursachen für diesen Knick in der Wachstumskurve sind vielschichtig. Experten der Branche hatten bereits Ende 2025 davor gewarnt, dass die Lagerkapazitäten im Großhandel und in den spezialisierten Apotheken an ihre Grenzen stoßen könnten. Viele Akteure bauten im Verlauf des Rekordjahres 2025 massive Bestände auf, um Lieferengpässe zu vermeiden. Die aktuellen Zahlen spiegeln daher vermutlich eine Phase des Bestandsabbaus wider. Zudem zeigt sich, dass der Markt nach der ersten großen Welle an Neupatienten eine gewisse Sättigung erfährt. Die exponentiellen Zuwachsraten der Jahre 2024 und 2025 weichen nun einer realistischeren Marktbetrachtung.
Daten und Fakten: Die Geografie der Versorgung
Trotz der sinkenden Gesamtmenge bleibt die Struktur der Herkunftsländer weitgehend stabil, mit einer klaren Dominanz aus Nordamerika. Kanada lieferte im ersten Quartal 2026 allein 26,8 Tonnen Cannabis nach Deutschland. Damit stammt mehr als die Hälfte der gesamten Importmenge von kanadischen Produzenten. Diese Konzentration unterstreicht die tiefe Integration kanadischer Konzerne in die deutsche Lieferkette. Laut Branchenberichten exportierte Kanada zeitweise bis zu 62 Prozent seiner gesamten Blütenproduktion für den medizinischen Weltmarkt nach Deutschland (Quelle: Hanf Magazin, April 2026).
Hinter dem Marktführer Kanada folgt Portugal mit 10,3 Tonnen auf dem zweiten Platz. Portugal galt lange Zeit als der wichtigste europäische Hub für die Verarbeitung von Medizinalcannabis. Die aktuellen Zahlen zeigen jedoch einen leichten Abwärtstrend für den Standort. Während Portugal im Jahr 2025 noch höhere Marktanteile hielt, scheinen andere europäische Standorte nun aufzuholen. Dänemark etabliert sich mit 3,3 Tonnen im ersten Quartal 2026 als verlässliche Größe und konnte sein Volumen im Vergleich zum Vorjahresschnitt leicht steigern.
Besonders auffällig ist die Entwicklung in Tschechien. Mit einer Importmenge von rund zwei Tonnen pro Quartal hat sich der tschechische Beitrag im Vergleich zum Durchschnitt des Jahres 2025 spürbar erhöht. Tschechien profitiert von einer geografischen Nähe zum deutschen Markt, was Transportkosten senkt und logistische Abläufe vereinfacht. Zudem haben tschechische Produzenten massiv in EU-GMP-zertifizierte Anlagen investiert, um die strengen deutschen Qualitätsstandards zu erfüllen. Auch kleinere Standorte wie die Kanalinsel Jersey oder Nordmazedonien, das 1,7 Tonnen beisteuerte, halten ihre Position in der deutschen Importbilanz.
Im krassen Gegensatz zu den hohen Importmengen stehen die deutschen Exporte. Während Deutschland massiv Cannabis einführt, bleibt die Ausfuhr von im Inland produziertem Medizinalcannabis marginal. Im gesamten Jahr 2025 wurden lediglich 6,4 Tonnen exportiert. Für das erste Quartal 2026 meldete das BfArM ein Exportvolumen von rund 1,5 Tonnen. Deutschland bleibt somit ein klassischer Importmarkt, auf dem die heimische Produktion den Bedarf bei weitem nicht decken kann, während regulatorische Hürden den Export deutscher Ware in andere EU-Staaten weiterhin erschweren.
Marktbeobachtungen und regulatorische Hürden
Ein wesentlicher Faktor für die aktuelle Zurückhaltung der Importeure dürfte die laufende Novellierung des Medizinal-Cannabisgesetzes (MedCanG) sein. Die Bundesregierung plant Verschärfungen beim Patientenkontakt. Künftig soll ein physischer Kontakt zwischen Arzt und Patient für die Erstverschreibung zwingend erforderlich sein, um die Ausbreitung rein digitaler Rezept-Plattformen zu regulieren. Diese regulatorische Unsicherheit führt dazu, dass Großhändler ihre Bestellungen vorsichtiger planen. Wenn der Zugang zu Verschreibungen erschwert wird, sinkt die prognostizierte Absatzmenge, was sich unmittelbar in den Einfuhrstatistiken niederschlägt.
Zudem spielt die Preisentwicklung eine entscheidende Rolle. Der massive Wettbewerb zwischen den Importeuren hat die Preise für Blüten und Extrakte in den Apotheken im Jahr 2025 unter Druck gesetzt. Während Patienten von sinkenden Preisen profitierten, sanken die Margen für viele Zwischenhändler. Anbieter mit ausschließlich nordamerikanischen Lieferketten stehen vor der Herausforderung, Währungsschwankungen und hohe Logistikkosten abzufangen. In einem stagnierenden Markt führt dies zu einem Verdrängungswettbewerb, bei dem nur Unternehmen mit hoher Effizienz und stabilen Lieferwegen bestehen können.
Das BfArM hat für das Kalenderjahr 2026 eine Importhöchstmenge von 192,5 Tonnen festgelegt. Rechnet man die 50,5 Tonnen des ersten Quartals auf das Gesamtjahr hoch, würde Deutschland diesen Wert mit rund 202 Tonnen knapp überschreiten. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass die Behörde die Quoten im Jahresverlauf anpasst oder die Importeure ihre Kontingente nicht voll ausschöpfen. Die Festlegung einer solchen Höchstmenge dient der Kontrolle des Marktes und soll verhindern, dass unkontrollierte Mengen in Kanäle außerhalb des medizinischen Sektors abfließen.
Perspektiven für Patienten und Industrie
Für die Patientinnen und Patienten bedeutet die aktuelle Delle in der Importstatistik keine unmittelbare Gefahr für die Versorgungssicherheit. Das Angebot in den Apotheken ist so breit gefächert wie nie zuvor. Über 400 verschiedene Kultivare sind derzeit theoretisch in Deutschland verfügbar. Allerdings könnten Lieferengpässe bei spezifischen, hochgefragten Sorten aus Kanada zunehmen, wenn Importeure ihre Lagerbestände zu stark reduzieren. Patientenvertreter raten dazu, bei bewährten Therapien die Verfügbarkeit rechtzeitig mit der Stammapotheke zu klären.
Die Industrie steht vor einem Jahr der Wahrheit. Nach der Goldgräberstimmung der Jahre 2024 und 2025 müssen Unternehmen nun beweisen, dass ihre Geschäftsmodelle auch bei stagnierenden oder leicht rückläufigen Mengen tragfähig sind. Der Fokus verschiebt sich von der reinen Mengenbeschaffung hin zur Qualitätssicherung und zum Service für Ärzte und Apotheken. Besonders Standorte innerhalb der Europäischen Union, wie Tschechien oder Dänemark, könnten von dieser Entwicklung profitieren, da sie flexibler auf kurzfristige Bedarfsschwankungen reagieren können als Übersee-Lieferanten.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Rückgang auf 50,5 Tonnen im ersten Quartal 2026 kein Anzeichen für einen kollabierenden Markt ist. Vielmehr handelt es sich um eine notwendige Korrektur nach einer Phase der Überhitzung. Die kommenden Quartalszahlen werden zeigen, ob sich der Markt auf einem Niveau von etwa 50 Tonnen pro Quartal einpendelt oder ob die regulatorischen Änderungen des MedCanG zu einem weiteren Rückgang führen werden. Die deutsche Marktführerschaft in Europa bleibt jedoch unangefochten, auch wenn die Dynamik des Wachstums vorerst gebremst ist.